DIALEKT - Datschwegge

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05.06.2025 / Blogbeiträge

Datschwegge – Schaumkussbrötchen

 

Brötchenhälfte – Schokokuss – Brötchenhälfte, einmal fest zusammendrücken, fertig ist einer der beliebtesten Pausensnacks meiner Kindheit. Erinnert Ihr Euch daran, wie die Schokolade knackte und knisterte und die weiße Schaumcreme beim Abbeißen auf allen Seiten herausquatschte? Herrlich!

Ja, natürlich ist das nicht das Gesündeste, was man sich gönnen kann. Aber mal ehrlich: Wieso müssen wir uns eigentlich heutzutage immer und überall ein schlechtes Gewissen machen, wann immer wir gegen den anscheinend inzwischen offiziellen Kodex der Ernährung verstoßen?

Unsere (bzw. meine) Gedanken drehen sich so oft darum, NICHT zu essen und zu trinken: möglichst keine Schokolade, keine Chips, kein Fleisch, keine Fertigprodukte, kein Alkohol, kein Take-Away, kein Eis, kein Fast-Food… Oder darum, MEHR zu essen und zu trinken: mehr Gemüse, mehr Ballaststoffe, mehr Vitamine, mehr Selbstgekochtes, mehr Proteine, mehr Hülsenfrüchte, mehr Rohkost, mehr Wasser…

Dabei bekomme ich langsam das Gefühl, eher mit dem Essen zu kämpfen, es mehr als Pflicht anzusehen, als Punkt auf einer niemals enden wollenden To-do-Liste, die sich mit jeder anstehenden Mahlzeit wieder neu füllt. Klar, man weiß einfach inzwischen so viel über das, was dem Körper gut tut und nicht gut tut. Man kennt die Auswirkungen von schlechter Ernährung und die Vorteile für die Gesundheit, wenn man sich an alle Regeln hält. Das Problem ist: Wer stellt die Regeln auf? Ich merke, wie oft ich in den sozialen Medien wieder einen neuen Ratschlag bekomme und eine neue Warnung und wie plötzlich in den Supermärkten genau die Produkte auftauchen, die ich meine, kaufen zu müssen, um mich gesünder zu ernähren. Und kurze Zeit später kommt dann raus, dass in den „gesunden“ Proteinriegeln geschredderte Schweineohren stecken, dass der probiotische Joghurtdrink mit Zucker gepanscht ist, dass die zuckerfreie Limo Süßstoffe enthält und man sich mit dem fettfreien Käse nur mehr Heißhunger verschafft. Das geht mir echt auf die Nerven! Weil ich auf solche Tricks immer reinfalle. Weil die Lebensmittelindustrie nicht das Ziel hat, dass Menschen sich besser ernähren, sondern dass sie mit möglichst billig produzierten Lebensmitteln möglichst viel Kohle verdienen. 

Aber ich höre jetzt mal auf, mich zu echauffieren. Was ich eigentlich sagen wollte, ist nämlich etwas Schönes: Ich bin erwachsen, ich bin für mich selbst verantwortlich und ich darf mich aus diesen ganzen Regeln und Ratschlägen und Selbstoptimierungszwängen einfach rausnehmen. Was ich nämlich bei all den gesunden Dingen für den Körper oft übersehe: Zum Körper gehört auch eine Seele. Und der tut es nicht gut, ständig ein schlechtes Gewissen rumzutragen. Der tut es aber sehr wohl gut, sich auch einfach mal etwas gönnen zu dürfen und ab und zu über die Stränge zu schlagen. Und besonders mit anderen Menschen an einem Tisch zu sitzen und zu genießen, ohne dass jemand das Thema gesunde Ernährung anspricht oder sich auch nur Gedanken darüber macht.

Ich gehe gleich Schokoküsse holen.

„Versuchungen sollte man nachgeben. Man weiß nie, ob sie wiederkommen.“

Oscar Wilde