Hebe/Lupfe – Halten/Heben
Dialekte stellen uns manchmal vor Herausforderungen. Bei jedem Umzug in ein anderes Bundesland merkt man, wie wichtig es ist, Orte, Begriffe, Traditionen oder ungeschriebene Gesetze dieser Region zu kennen. Das Beispiel mit der Kehrwoche in Baden-Württemberg kennt wohl jeder: Je nach Anzahl der Parteien im Haus steht alle paar Wochen ein Schild vor Deiner Wohnungstür mit der Aufschrift „Kehrwoche“. Das heißt, dass Du in dieser Woche für die Sauberkeit des Treppenhauses verantwortlich bist. Wenn Du diese Gepflogenheit nicht kennst oder nicht beachtest, dann kann das schnell für Unmut im Haus sorgen.
Aber auch Orts- und Zeitangaben können dem Uneingeweihten Probleme bereiten. Wo ist das „Bächle“, an dem sich alle treffen, und was ist „der Rohrbrunnen“? Wer oder wo ist der „Geigermetzger“? Und wann ist Viertel Sieben?
Ich weiß noch genau, wie ich als Kind im Bäcker einen „Kräbbel“ bestellt habe und dafür angesehen wurde wie ein Alien. Dass der „Krapfen, Punschballen, Pfannkuchen, Berliner“ an jedem Ort einen anderen Namen hat, als ich ihn von meinem alten Zuhause in Franken kannte, war mir damals nicht klar. Genauso wenig wie die Tatsache, dass man im Rheinland kein „Weißbier“ kennt, sondern ein „Weizen“ bestellen muss. Leider war auch hier die Bedienung nicht auf Fremde eingestellt.
Im Schwarzwald stand ich dann auf dem Schlauch, als meine Tochter zur Weihnachtsfeier einen „Teppich und eine Tasse Brödle“ mitbringen sollte. Dass das schlicht und ergreifend eine Decke und Plätzchen sein sollten, musste ich mir erst übersetzen lassen.
Und das Beispiel im Titel hat nicht nur eine Freundin bei Arbeitsantritt am neuen Wohnort verwirrt. Ihr Chef meinte: „Heb mal!“ und drückte ihr einen Gegenstand in die Hand. Als sie ihn in die Luft hob, schaute er sie verwirrt an und konkretisierte: „Net lupfe! Hebe!“.
Ich mag Dialekte sehr! Sie sorgen für Vielfalt in der Sprache, für Gemeinschaft, dafür, dass sich Menschen verbunden fühlen und verstehen. Für „Außenseiter“ können sie aber auch dazu führen, dass sie sich fremd und ausgeschlossen fühlen. Erst recht, wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, man sei dumm, wenn man eine scheinbar einfache Anweisung nicht versteht.
Also eine Bitte an alle Dialektsprecher: Habt Nachsicht mit Menschen, die Eure sprachlichen Eigenarten nicht kennen! Schaut sie nicht an, als kämen sie vom Mond, wenn sie die Stirn runzeln, anstatt anzupacken, wenn sie zum fünften Mal fragen, wo der Treffpunkt ist, wenn sie wieder nicht verstanden haben, wie die Uhr hier tickt. Helft ihnen, in eure Sprache einzutauchen, indem ihr Redewendungen erklärt. Geht nicht davon aus, dass Gewohnheiten selbsterklärend sind. Und vor allem: bleibt freundlich! Niemand stellt sich freiwillig dumm, niemand ist gerne hilflos. Nehmt den anderen ein bisschen an die Hand. Dann lässt sich gemeinsam viel mehr lupfen.