DIALEKT - Spinaadwachdl

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Spinaadwachdl

 

Das Wort „Spinatwachtel“ kommt vermutlich aus dem süddeutschen Dialekt von der Redewendung „spinnerte Wachtel“. Dabei kann das Wort „spinnert“ sowohl auf die Bedeutung „verrückt“ als auch „(spindel-)dürr“ bezogen sein. Die Wachtel als Vogelart ist als Eigenbrötlerin bekannt. Der Begriff bezeichnet landläufig eine ältere, schrullige oder hagere Frau.

Irgendwie hatte ich bei der Beschreibung sofort eine Dame vor Augen: Im Buch „Im Dorf der Biber und Bücher“ von Emma Hamberg spielt die pensionierte Bibliothekarin Gertrud eine Rolle, eben die der alten Spinatwachtel. Sie ist vordergründig vor allem grantig und bitter, lebt zurückgezogen in ihrem kleinen Haus und pflegt einzig eine Beziehung zu dem Kastanienbaum vor ihrem Fenster, den sie liebevoll Alice B. Toklas nennt. Nach der Lebensgefährtin von Gertrude Stein, mit der sie sich, nicht nur durch ihren Namen, seltsam verbunden fühlt. Deren Leben war allerdings, ganz im Gegensatz zu dem Gertruds, voll von lebensfrohen Künstlerpersönlichkeiten, die sich in ihrem Pariser Salon zu ausschweifenden Dinners trafen.

Je länger man über Gertrud liest, desto trauriger wird es. Sie kauzt jeden an, der freundlich zu ihr ist, sieht jeden Besuch als Eindringen in ihre Privatsphäre an und deutet jede zugewandte Geste als Übergriff. Am liebsten ist sie allein inmitten ihrer Routinen und Alltagsrituale. Und irgendwie schwankt man immer zwischen dem Gedanken, dass man ihr ein leichteres Leben wünscht – eine offenere Sicht auf ihre Mitmenschen – und dem entnervten Urteil, dass sie es ja nicht anders will und dann eben mit sich selbst (un-)glücklich bleiben soll.

Ich finde, das ist immer das Schwierige mit Spinatwachteln. Sich einfühlen zu können in diese negativen Gedankenmuster erfordert enorm viel Geduld und die Bereitschaft, alle möglichen Beleidigungen und Kränkungen einzustecken. Lohnt sich das? Bei manchen Spinatwachteln ist Hopfen und Malz verloren. Da ist schon vor langer Zeit der Wille zur Lebensfreude verloren gegangen und es hilft irgendwann nur noch Abstand halten.

Bei manchen scheint es aber zu funktionieren. Da kann man mit stetiger Freundlichkeit irgendwann durch die harte Schale brechen und erntet zunächst vielleicht nur überraschtes Staunen und dann eventuell sogar noch ein Lächeln, wenn man es fast gar nicht mehr erwartet. Und vielleicht ist dieser Mensch dann einfach dankbar, dass sich jemand nicht so leicht hat abschrecken lassen. Das macht Mut, es bei den Spinatwachteln, Schreckschrauben, komischen Käuzen und Bruddlern zumindest immer wieder zu versuchen. Sie nicht ganz aufzugeben. Hartnäckig freundlich zu sein und den negativen Erwartungen immer wieder das Gegenteil entgegenzusetzen: ein Lächeln und einen offenen Blick auf das Leben.